Aus Sicht des Hundes

Was kann ein Hund sehen und welche Unterschiede bestehen zu uns Menschen

APORT-Hundeschule-51Den meisten Hundehaltern ist nicht bewusst, wie anders ihr Hund sehen kann. Zum allgemeinen Verständnis habe ich deshalb für dich einige wichtige visuelle Grundlagen zusammengefasst.

Da dein Hund vom Wolf abstammt, sind alle überlebenswichtigen Veranlagungen, die dem Wolf von Nutzen sind, natürlich auch bei deinem Hund zu finden. Grundsätzlich ist die visuelle Wahrnehmung aller Hunde wesentlich besser ausgeprägt als die der Akustik, da die visuelle Kommunikation gegenüber der Akustik einen höheren Stellenwert einnimmt.  So wird ein Hund das verbale „Sitz“, mit einem zusätzlich gegebenen Sichtzeichen (üblicherweise bei „Sitz“ der erhobene Zeigefinger) schneller befolgen, als ohne das Sichtzeichen. Sehr deutlich wird dies bei einem Hund, der ein „Sitz“ noch nicht so gut beherrscht. Steht dann der Hund einige Zentimeter vor dem Hundehalter, so dass dieser meint, sein Hund könne ihn nicht sehen, passiert folgendes: Wird das verbale Signal „Sitz“ mit dem visuellen Signal, des erhobenen Zeigefingers, kombiniert, wird sich der Hund sichtlich schneller hinsetzen, da er visuelle Signale intensiver wahrnimmt als verbale Signale.

Damit du dir das besser vorstellen kannst, habe ich mir ein kleines Experiment überlegt

Stell dich hin und schaue geradeaus auf einen bestimmten Gegenstand deiner Wahl. Halte zu diesem den Augenkontakt aufrecht und erhebe deine Arme seitlich waagerecht, so dass du deine Hände gerade noch in den Augenwinkeln erkennen kannst. Das, was du in dieser Position siehst, ist dein visuelles Gesichtsfeld. Drehe  nun deine Arme so weit wie möglich in Richtung Rücken. So weit wie deine Arme reichen, reicht auch das Gesichtsfeld deines Hundes, nämlich ca. 240°. Je nach Hunde-Rasse bzw. Kopfform variiert dieses Sichtfeld. Somit kannst du sicher sein, dass dein Hund dich auch seitlich hinten stehend sehen kann.

Das visuelle Gesichtsfeld wird in 3 Zonen aufgeteilt, nämlich in das monokulare Gesichtsfeld, das binokulare Gesichtsfeld und das blinde Feld, indem nichts gesehen werden kann und welches sich in Rückenlinie zwischen den Ohren befindet. Das, was du mit nur einem Auge sehen kannst (zweites Auge zuhalten), ist das monokulare Gesichtsfeld. Die Überlappung beider Gesichtsfelder ist das binokulare Gesichtsfeld, welches räumliches Sehen ermöglicht. Beim Mensch beträgt diese Überlappung etwa 120 ° und beim Hund etwa nur 60°. Dein Hund hat damit eine geringe räumliche Wahrnehmung.

Mit dem Scharfsehen ist es beim Hund grundsätzlich anders als bei uns Menschen. Unsere menschliche Linse ist u.a. mit einen Muskel (den Ziliarmuskel) verbunden, der durch Kontraktion(Zusammenziehen und Entspannung des Muskels) bewirkt, dass wir auf unterschiedlich nahegelegene Objekte die Sicht scharf einstellen können (variable Linsenkrümmung), was auch „Scharfstellung“ bzw. Akkommodation genannt wird. Evolutionär betrachtet ist diese Fähigkeit für uns Menschen von großem Vorteil, z.B. beim Sammeln von Pflanzen oder beim Bau der Unterkunft. Für den Wolf bzw. Hund ist dies nicht von Nutzen, weshalb diese Physiologie der Scharfeinstellung beim Wolf und Hund nicht besonders gut ausgeprägt ist. Das durch die Linse einfallende Licht wird bei deinem Hund nicht punktgenau auf der Netzhaut gebündelt und es entsteht ein unscharfes Abbild. Dein Hund kann also auf kurze Distanzen kein scharfes Abbild seiner Umwelt erkennen. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, wenn wir versuchen, unter Wasser zu sehen. Hier ist das verschwommene Bild das Ergebnis, weil wir unsere Hornhaut nicht krümmen können.

Beispiel auf der täglichen Praxis

Als Hundehalter ist man öfters verwundert, wenn der Hund mehrmals über einen Gegenstand schaut, es jedoch nicht findet. So ist es, dass ein kleinerer Gegenstand, der sich nicht deutlich von seiner Umgebung bildlich abhebt, z.B. ein kleiner Ball auf einer Wiese, vom Hund oftmals nicht erkannt werden kann, wenn er sich auf seine Augen verlässt, statt die Nase zu benutzen. Zur Beschäftigung kann dieser Umstand genutzt werden, indem ein Objekt vor dem Hund geworfen wird. Der Hund schaut dem Objekt nach und hat es visuell fixiert. Wendet der Hund kurz seinen Blick in eine andere Richtung (Hund kurz ansprechen), ist anschließend dieses Objekt nicht mehr visuell sichtbar, und er muss nach dem Gegenstand suchen.  

Anders ist es bei dem Erkennen von bewegten Objekten. Da ist dein Hund im Vorteil. Dieses Sehvermögen ist besonders bei der Nahrungsbeschaffung, also das Jagen der Beute, von großem Vorteil. Wobei es egal ist, ob sich ein Objekt aus der Umwelt in Bewegung befindet oder ob sich der Hund selbst bewegt und somit ein sich bewegendes Objekt künstlich erzeugt wird.

Bewegung wird im Gehirn dadurch wahrgenommen, dass in relativ kurzer Zeit, viele einzelne Bilder verarbeitet werden. Die Menge der einzelnen Bilder innerhalb einer Sekunde wird als Bildfrequenz bezeichnet und meistens in der Einheit Herz (Hz) gemessen. Der Mensch benötigt eine Bildfrequenz von ca. 20 Bildern, um aus den einzelnen Bildern eine fließende Bewegung zu erkennen. Die ersten Stummfilme wurden z.B. mit einer Bildfrequenz von 16 Bildern ausgestrahlt. Zeichentrickfilme haben eine Bildfrequenz von 18 und um die Qualität zu heben, haben Computerspiele eine Bildfrequenz von bis zu 200 Hz, wobei hier die Anzahl der einzelnen Bilder wesentlich geringer ist, die jedoch mehrfach gesendet werden.  Der Hund benötigt für das Erkennen bewegter Objekte ca.  80 Bilder  pro Sekunde, die durch die ständig veränderte Position zwischen Gesichtsfeld und Objekt im Gehirn neu verarbeitet werden. Aufgrund der hohen Bildfrequenz von 80 Bildern pro Sekunde, ist dein Hund in der Lage, kleinste Bewegungen wahr zu nehmen und diese scharf zu erkennen, dies auch auf weite Entfernungen.

Tip

Mit diesen Fähigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass unsere Hunde auch feinste Bewegungen in unserer Körpersprache wahrnehmen können, die uns Menschen zu oft verwehrt bleiben. Auch weit entfernte Tiere, wie Kaninchen, Katze oder Nachbars Hund werden viel schneller erkannt, als uns meistens lieb ist. Als Tipp, sollte es einmal so sein, dass beim Spazierengehen zwischen dir und deinem Hund sich mehrere Menschen befinden und dein Hund dich ab einer gewissen Entfernung nicht identifizieren kann, bewege dich intensiver, z.B. durch winkende Bewegungen, als andere Spaziergänger und dein Hund wird dich schnell wieder finden.

Ein weiterer Vorteil deines Hundes ist seine Fähigkeit, auch bei Dämmerung sehr gut sehen zu können. Verantwortlich dafür sind seine größeren Pupillen, die mehr Licht auf die Netzhaut projiziert. Eine zusätzliche Linse hinter der Netzhaut, die „Spiegellinse“ (Tapetum lucidum) reflektiert das einfallende Licht nochmals auf die Netzhaut, so dass ein Maximum an Licht die Sehnerven aktivieren kann. Hinzu kommt eine hohe Anzahl von lichtempfindlichen Zellen, die sog. Stäbchen, die in der Netzhaut für Lichtempfindlichkeit verantwortlich sind und dafür sorgen, dass der Hund bei Dämmerung sehr gut sehen kann. Bei uns Menschen sind diese Eigenschaften nicht gut entwickelt, weshalb wir bei Dämmerung auch nicht gut sehen können. Der Hund ist allerdings mit der hohen Anzahl von Stäbchen auf seiner Netzhaut bestens für die Jagd bei Dämmerung gerüstet. Weitere Nervenzellen auf der Netzhaut sind die sog. Zapfen, die für die Farbenerkennung und die weitere Verarbeitung zur Sehschärfe bei Tageslicht zuständig sind. Bei uns Menschen befindet sich eine starke Ansammlung dieser Nervenzellen direkt über der Einmündung des Sehnervs, also die Stelle, wo sich alle einzelnen Sehnerven vereinen und weiter zum Gehirn gelangen. Beim Hund ist nicht nur die reine Anzahl der Zapfen stark reduziert, sondern auch die Varianten der Zapfen. Das dazu führt, dass der Hund zum Einen weiter an Sehschärfe verliert und zum Anderen nicht das gesamte sichtbare Farbspektrum, wie wir Menschen, erkennen kann. Dem Hund stehen lediglich Farbtöne im Bereich Blau bis Gelb zur Verfügung. Demzufolge kann dein Hund keine Farben im Bereich Grün, Orange bis Rot erkennen, ersatzweise jedoch eine differenzierte Grauabstimmung, die das Erkennen von einzelnen Objekten bei Dämmerung erheblich verfeinern.

Jeder kennt es

Während wir uns mühen, bei Dunkelheit überhaupt noch etwas sehen zu können, sind wir Menschen zu Recht verblüfft, weil unser Hund signalisiert, dass am anderen Ende des Weges etwas passiert. Du  kennst das doch auch! Recht hat er! Da kommt, wie aus dem Nichts, tatsächlich Nachbars Hund.

Dein Hund ist also mit besten visuellen Mitteln ausgestattet, die ihm hauptsächlich das Wahrnehmen von bewegten Objekten bei sehr wenig Licht, in einem sehr großen Blickfeld, ermöglichen.

 
Blickwinkel des Menschen
Blickwinkel des Hundes
Vergleich der Blickwinkel von Mensch und Hund
 
 

Das Auge ist aber auch jenes Organ, welches den inneren Zustand verrät, wie Traurigkeit, Angst, Aggression, Freude, Spaß oder auch Krankheit und Schmerz.

Auf den beiden Fotos ist Phils rechtes Auge zu sehen. Das linke Bild ist kurz nach seiner Ankunft bei uns fotografiert wurden. Phil war damals ein Tierheim-Notfall. Deutlich zu erkennen die weißen Flecken aus der Iris, die wahrscheinlich auf eine (evtl. psychosomatische) Organerkrankung hindeutet. Das rechte Bild ist 2 Jahre später aufgenommen. Die weißen Flecken sind verschwunden.