Die Jagd als Symbiose

Oder Domestikation einmal anders betrachtet.

Heute steht der Wolf am Ende der Nahrungskette. Dies war sehr wahrscheinlich in prähistorischer Zeit anders. Dass der Wolf selbst Beute darstellt, hört sich zunächst einmal befremdlich an. Jedoch ist es so, dass ein Steinadler in der Lage ist, einen Wolf zu töten. Wolfsjagd wird seit mehreren tausend Jahren in Zentralasien, der Mongolei, traditionell so praktiziert. Zum Beutespecktrum des heutigen Steinadlers gehören Säugetiere, wie Hase, Zieselmaus, Murmeltier, Raufußhuhn und junge Paarhufer, wie Schaf, Bergziegen, Reh, Antilopen, Hirsch. Gebietsabhängig werden auch Füchse und Schakale gejagt. Im Größenvergleich zwischen Jäger und Beute ist dies recht beachtlich. Steinadler hetzen auch paarweise größere Tiere zu Tode. Wenn Fuchs und Schakal zur Beute des Adlers gehören, ist es deshalb sehr wahrscheinlich, dass der Wolf vor vielen Jahrtausenden ebenfalls zur Beute von Greifvögeln zuzuordnen ist.

Auch der prähistorische Mensch musste die Gefahr aus dem Himmel befürchten. Bei meiner Recherche über gemeinsame Feinde von Wolf und Mensch bin ich auf den Giganten Haastadler aufmerksam geworden, der bis vor 700 Jahren auf Neuseeland gelebt hat.  Der Haastadler war ein riesiger Greifvogel, der mit einer Spannweite von 3 Meter und 14 Kg Gewicht extrem groß war. Er erjagte zweibeinige flugunfähige Vögel (Moas), die bis 200 Kg schwer waren. Deshalb waren auch die Ureinwohner Neuseelands, die Maoris, Beute für diesen Adler. Von den Maori gefertigte Felszeichnungen belegen dies. Es wird vermutet, dass der Haastadler durch die Maoris ausgerottet wurde, indem zum Einen diese Tiere direkt getötet wurden und zum anderen auch die Beute des Adlers ( die Moas) von den Maoris gejagt wurde, was dazu führte, dass dem Haastadler die Hauptnahrung fehlte. Nun gab es zwar auf Neuseeland keine Wölfe, aber dies sind Hinweise dafür, dass Greifvögel jagt auf Menschen machten und Menschen in der Lage waren, diese Gefahr zu beseitigen.

Ein weiterer Fund belegt, dass unsere frühesten Vorfahren Beute für Greifvögel waren. Ein in Afrika gefundenes Vormenschen-Fossil, der Schädel des sogenannten „Taung-Kindes„, der zu den Australopethicus africanus gehörte, entdeckten Paläoanthropologen, dass dieses durch einen Greifvogel getötet wurde. Diese Vormenschenaffen, die zu unseren Vorfahren zählen, haben zwar vor 2 Millionen Jahren gelebt, aber noch immer sind Adler und Affe Jäger und Gejagte. Eine Studie der Universität von Ohio belegen, dass Affen ins Beuteschema von heutigen Greifvögeln gehören. Demnach hat man in Adler-Nestern Affenknochen gefunden. Die Beschädigungen der Knochen sind vergleichbar mit denen des „Taung-Kindes“.

Es darf davon ausgegangen werden, dass vor langer Zeit die Feinde von Wolf und Mensch die Selben waren. Aber nicht nur Greifvögel waren die Feinde unserer Verwandten. Bekannt ist, das unsere Vorfahren in der Lage waren, auch andere sehr große Tiere, wie Mammut, Wisent und Wollnashorn, aber auch Raubtiere wie Bären, Höhlenlöwe, Höhlenhyäne und Säbelzahnkatze erbeuteten und somit auch seine eigenen Jäger und damit auch den Feinden des Wolfes entgegentreten konnten. Hypothetisch besteht dadurch die Möglichkeit, dass der Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten, sein eigenes Territorium frei von Gefahren gehalten hat und so auch ein Vorteil für den Wolf und seinen Nachwuchs bestand. Indem der Wolf in menschlicher Nähe ein gewisses Maß an Schutz vor anderen Rautieren hatte, befand er sich in einem entscheidenden Vorteil als seine anderen Artgenossen, die nicht die menschliche Nähe als Lebensraum nutzen.

Das frühe Erkennen und Beseitigen von Gefahren verbesserte so deutlich für beide Seiten, Mensch und Wolf, die Überlebenschancen. Ein zusätzlicher Nutzen für den Wolf ist denkbar, wenn die riesigen vom Mensch erbeuteten Tiere zerlegt und ans Lager geschafft werden mussten. Dieses ist den Wölfen auf keinen Fall entgangen. Unumgänglich war dann das Handeln der Menschen, dass die Wölfe von der Beute mit gefüttert wurden, weil sie sonst nicht mehr abgelassen hätten. Ähnlich wie der Hyänen-Mann aus Harar in Äthiopien, der eine sehr alte Tradition pflegt. Dieser füttert regelmäßig wilde Hyänen aus der Hand oder aus dem Mund, mit dem Ziel, seine Herde Ziegen vor jenen hungrigen Hyänen zu schützen.