Lieber Leser, die Themen rund um die Domestikation haben mich so sehr fasziniert, dass dieser Artikel etwas ausführlicher geworden ist, als anfänglich geplant. Um die Thesen und Hypothesen der Evolutionsbiologen zu verstehen, ist im 1. Teil die prähistorische Zeit unserer Vorfahren umschrieben. Zum größten Teil sind hier die Anfänge der bäuerlichen Lebensweise, architektonische Möglichkeiten und allgemeine Entwicklung jener Zeit wiedergegeben. Im 2. Teil sind die Knochenfunde und aktuellen DNA-Analysen aufgelistet. Hier sind möglichen Zeiteinteilungen beschrieben, in denen nach aktueller Meinung die Domestikation des Wolfes stattgefunden haben könnte. Wer sich beim Lesen einzig auf die verschiedenen Domestikations-Hypothesen beschränken möchte, empfehle ich, gleich mit dem 3. Teil zu beginnen. Alle Fakten sind von mir sorgfältig recherchiert und stammen aus naturwissenschaftlichen Publikationen, fachspezifischen Büchern, Dissertationen, Internet und Seminaren.  Trotz alledem ist es jedoch nicht auszuschließen, dass bestimmte Inhalte versehentlich falsch oder irreführend interpretiert werden. Für diesbezügliche Hinweise oder Verbesserungen wäre ich Ihnen dankbar. Viel Spaß beim Lesen.

Domestikation (domus, lat.=Haus) des Hundes –  Der Haushund

Die prähistorische Zeit unserer Vorfahren

Domestikation definiert den Prozess, wenn aus einem Wildtier eine Haustierform entstanden ist (auch Haustierwerdung genannt) oder aus einer Wildpflanze eine kultivierte Pflanze wurde.

Nach heutigem Stand der archäologischen Forschung weiß man, dass

  • Ziege und Schaf vor ca. 10 000 Jahren
  • Rinder vor ca. 8000 Jahren
  • Schweine vor ca. 7000 Jahren und
  • Pferde vor 5500 Jahren

domestiziert wurden. Am Ende der letzten Eiszeit, im Neolithikum vor ca. 12 000 Jahren, begann zeitgleich mit der Domestizierung von Schaf und Ziege auch die Domestizierung des Getreides. Der kultivierte Anbau von Getreide hatte eine wegweisende Veränderung in der Lebensweise der damaligen Menschen zur Folge, die es ermöglichte, dass aus steinzeitlichen Jägern und Sammlern sich das neolithische Bauerntum entwickeln konnte.

Laut archäologischen Funden haben sich zu dieser Zeit erste menschliche Siedlungen im östlichen Mittelmeerraum gebildet. Dieses Gebiet ist als „fruchtbarer Halbmond“, auch Levante genannt, bekannt, welches vom heutigen Jordanien über Syrien, der Türkei und den Irak bis zum Iran reicht. Im Gegensatz zu anderen klimatisch ungünstigen Gebieten und den noch vereisten und sehr kalten Norden, war das Klima im Mittelmeerraum während dieser Zeit bereits so günstig, dass sich eine fruchtbare Steppenebene entwickeln konnte. In dieser gedeihten eine Vielzahl von Steppengräsern. Auch Steppentiere, wie Wildschafe (Mufflons) und Wildziegen, Gazellen, Rot- und Dammhirsche sowie Wildschweine fanden hier in größerer Zahl ihren Lebensraum. Die vor ca. 12 000 Jahren nur dort vorkommenden Wildpflanzen und Steppengräsern, so vermutete man, sind die Gründerpflanzen unserer heutigen Hülsenfrüchte und Getreidearten, wie z.B. Emmer, Einkorn und andere Weizenarten, Gerste und Roggen. Diese wilden Getreide- und Pflanzenarten, Steppentiere sowie andere Tiere wie Rohrkatze, Marder, Fuchs, Vögel und andere Kleintiere, bildeten eine vielfältige Nahrungs- und Lebensgrundlage für die damaligen ersten Bewohner innerhalb dieses Gebietes. Diese günstigen Bedingungen führten dazu, dass ein Sesshaftwerden jener Menschen, anfänglich nur Saisonal, überhaupt erst möglich wurde.

Die vorangegangene Eisschmelze bewirkte jedoch, dass sich der Golfstrom änderte. Daraus ergaben sich immer wieder stark schwankende klimatische Veränderungen. Diese ließen die damaligen Menschen enger zusammenrücken. Auch kam es häufiger zu schlechten Pflanzenwachstum, welches zwangsläufig zu immer wiederkehrend schlechten Ernährungsbedingungen führte. Um diese schwierige klimatische Zeit zu bestehen, benötigten die damaligen Menschen viel Einfallsreichtum, vorausschauendes Denken sowie das Erarbeiten von Lösungen. Täglicher Überlebenskampf war notwendig, und so wird es vermehrt Konflikte innerhalb der Sippe und auch unter den angrenzenden Sippen gegeben haben. Anthropologen und Gehirnforscher vermuten, dass diese Zeit entscheidend zur Entwicklung unserer heutigen kognitiven Fähigkeiten beigetragen hat.

Mit der Entdeckung der Kultivierung, also das planmäßige Anpflanzen und gezieltes Ernten von wildwachsenden Pflanzen, konnte so nun die Nahrungsversorgung gravierend verbessert werden. Erste Vorräte wurden angelegt, mit denen Engpässe in der Ernährung  leichter überwunden werden konnten. Verbunden mit dieser Anpassung an die Umweltbedingungen, so vermutet man, fand erstmalig gezielter Ackerbau statt, welcher mit der nomadischen Lebensweise nicht in Einklang zu bringen war. Das Verfolgen von Tierherden war mit der Sesshaftigkeit nicht mehr möglich. Es wird angenommen, dass aus diesem Grund die Wildtiere, die bisher gejagt wurden, in Gefangenschaft gehalten werden mussten und folglich die Domestikation von Wildtieren unumgänglich war. Nahrung, insbesondere Fleisch (tierisches Eiweiß ist die Grundlage für Gehirnwachstum) stand nun ständig zur Verfügung. Hierdurch konnte ein Überangebot an Nahrung entstehen, was zu einer größeren Geburtenrate und somit auch größeren  Bevölkerungsdichte und größeren Familiengruppen führte.

Während dieser Zeit betrug die Bevölkerungsdichte etwa 1 Mensch pro Quadratkilometer. Experten gehen davon aus, dass zwischen 30 und 100 Menschen in solch einer kleinen Siedlung gelebt haben sollen. Um jedoch die Versorgung des Clans effektiv zu handhaben, musste die Herstellung der verschiedenen benötigten Alltagsgegenstände aufgeteilt werden. Das (Wissen) Handwerk über die Verarbeitung von Materialien und die Herstellung einzelner Gegenstände war nun nicht mehr Jedermann Angelegenheit. Es entstanden erste Spezialisten, die ihr Wissen und damit ihre Fähig- und Fertigkeiten, also ihr Handwerk, bis zur höchsten Präzession und Perfektion erbrachten. Ein Minimum an Einsatz führte zu einem Maximum an Ergebnis.

Diese Zeit, in der aus dem Nomadenvolk, den Jägern und Sammlern, strukturierte Dorfgemeinschaften (erste Pfahlbausiedlungen) entstanden, nennt man Neolithische Revolution, ihre Verbreitung in andere Gebiete Neolithisierung. Bis heute ist diese neolithische Lebensform erhalten geblieben. Allerdings leben nur 0,1 % der Weltbevölkerung heute noch als Nomadenvolk. Dazu gehören die Aborigines in Australien und die San in der Kalahari. Ein weiterer Stamm sind die Hadzapi in Tansania, die keine Vorratshaltung von Lebensmitteln kennen. Archäologen, Anthropologen und Paläontologen wissen bisher, dass der Prozess der neolithischen Revolution zwar zeitverschoben, jedoch unabhängig voneinander an mehreren Orten stattfand, nämlich im Nahen Osten(Mittelmeerraum), China, Nord-/Mittel- und Südamerika, Afrika, Indien und  Neuguinea. Ob die Verbreitung des frühzeitlichen Bauerntums durch mündliche Überlieferung erfolgte oder die bäuerliche Wirtschaftweise sich von einem zentralen Punkt aus verbreitet hatte, wurde bisher kontrovers diskutiert. Jedoch haben Genanalysen mittels Speichelproben in Indien zum Ergebnis gehabt, dass die Verbreitung der bäuerlichen Lebensweise durch Migration (Verbreitung durch Völker-Wanderung) stattgefunden haben muss.

Der kalifornische Wissenschaftler Mark Stoneking und seine Kollegen haben Genmaterial untersucht, deren Ergebnis im Fachmagazin „Science“ 2004 veröffentlicht wurde. Die Analyse sagt aus, dass die Neubauern Südindiens, die vor ca. 3000 Jahren mit Ackerbau und Viehzucht begannen, mit den älter in Indien lebenden Bauern enger verwandt sind als mit der Urbevölkerung den in Indien lebenden Jägern und Sammlern. Demnach haben über viele tausend Jahre, die aus westlicher Richtung kommenden Bauern, ihre bäuerliche Wirtschaftsweise in neue Lebensgebiete getragen, die sich allmählich mit der bereits in diesem Gebiet lebenden Jäger- und Sammler-Bevölkerung vermischte.

Weitere archäologische Ausgrabungen verfeinern die bisherigen Erkenntnisse und geben uns ein neues Bild von unseren Vorfahren. So erforscht seit 1995 der Archäologe Klaus Schmidt im Südosten der Türkei die Tempelanlage „Göbekli Tepe„, mit derer Errichtung, so schätzt man, vor ca   12 000 Jahren im  Neolithikum begonnen wurde. Durch diese Entdeckung  wird deutlich, zu welchen großartigen Leistungen und Fähigkeiten unsere Vorfahren bereits zu dieser Zeit fähig waren. Riesige tonnenschwere Pfeiler mit Reliefs, auf denen Vögel, Gazellen, Wildesel, Auerochsen, aber auch Füchse, Schlangen, Wildschweine,  Kröten und Spinnen abgebildet wurden, zeugen davon, dass das Leben der neolithischen Menschen aus mehr bestand als nur jagen und sammeln. Auf den in Göbekli Tepe freigelegten Reliefs wurden überwiegend Tierdarstellungen mit mystischer Bedeutung gefunden. Die zu dieser Zeit typischen Frauenstatuetten, also  weiblichen Darstellungen, die für Fruchtbarkeit und Leben stehen, fehlen gänzlich. Es wird vermutet, dass dieser Ort eine Heiligenstätte war, an denen den Toten nicht nur gedacht, sondern auch dort aufgebahrt wurden. Die vielen gefundenen Knochen von Füchsen, Geiern und Krähen, welche sich von Aas ernähren, unterstreichen die These von einer Heiligenstätte, an der die Toten unter freien Himmel den Vögeln zum  Fraß überlassen wurden. Bis heute ist diese Bestattungsform in Indien und Persien Tradition.

Der Archäologe Klaus Schmidt glaubt an die frühe Hierarchisierung der neolithischen Gesellschaft, mit einer Elite oder sogar einer charismatischen Persönlichkeit, die Machtbewusstsein und Organisationstalent besaß, und vielleicht die Errichtung eines solchen gigantischen Tempels bewirkte. Aufgrund der gewonnenen Resultate aus der erforschten  Tempelanlage, schlussfolgert Klaus Schmidt, dass der Domestizierungsvorgang, sowohl des von Getreides als auch die der Huftiere, eine notwenige Maßnahme gewesen sei, um die dort lebenden Erbauer und Nutzer der Anlage mit Nahrung zu versorgen. Mit dieser Vermutung stellt er alle bisherigen Hypothesen über den Domestizierungsablaufes auf den Kopf. Eben genau in diesem Zeitabschnitt (vor 12000 Jahren) haben Archäologen und Anthropologen an verschiedenen Orten fossile Funde entdeckt, die darauf schließen lassen, dass während dieser menschlichen Entwicklungsstufe, der Neolithischen Revolution, der Hund bereits ein fester Bestandteil im Lebensumfeld war.

Knochenfunde und aktuellen DNA-Analysen

Archäologische Funde belegen, dass bereits vor 12000 Jahren, Hunde verschiedener Körpergrößen über mehrere Kontinente verteilt, existiert haben. Allerdings sind sich bei einigen Knochenfunden die Experten nicht einig, ob es sich um Wolfs- oder Hundeknochen handelt. Da es bei der Veränderung vom Wolf zum Hund Übergangsformen bezüglich der Schädelknochen und Zahnstellungen gibt, ist es nicht immer zweifelsfrei festzustellen, ob bei jenen Knochenfragmenten vom Wolf oder Hund ausgegangen werden darf.

Knochenfunde in…

Europa

  • das Doppelgrab in Oberkassel (Bonn), die  Kniegrotte bei Döbritz (Thüringen) und die Gnirshöhle bei Engen-Bittelbrunn (Baden-Württemberg)sind alle ca.13000 Jahre alt
  • der Fund aus dem Senckenberg-Moor bei Frankfurt, der etwa 10000 – 9500 Jahre alt ist
  • 11000 Jahre alte Fossilien aus Dänemark lassen bereits verschiedene Größen der ausgewachsenen Individuen erkennen
  • die Funde in Europa von Torfhunden (Canis palustris) sind etwa 14000 Jahre alt
  • ein auf geschätzt 25 000 Jahre alter Abdruck einer Hundepfote, der in einer Höhle von Chauvet in Südfrankreich entdeckt wurde, ist zweifelsfrei eine Hundepfote
  • Neolithische Höhlenmalerei in Albocacer in Spanien und neolithischen Felszeichnungen im Tassili-Gebirge in Algerien sowie auf prähistorischen Felszeichnungen in Schweden
  • fossile Überreste von Hunden aus der Zeit vor  11000 Jahren aus Yorkshire in England

Asien

  • Archäologische Funde aus Russland, der Freilandstation Mezin in der Ukraine und von der Insel Krim; die Hundeknochen sollen zw. 19 000-13000 Jahre alt sein
  • ein Unterkieferfund aus der Palegawra-Höhle im Irak ist 13000 Jahre
  • Aus Mallaha in Israel ist ein 12000 Jahre altes Grab bekannt, in dem ein Welpe als Grabbeigabe der verstorbenen Frau beigelegt wurde
  • es gibt aber noch weitere Funde aus der Türkei, die auf 11500 Jahre geschätzt werden
  • auch aus Japan wurden fossile Knochenfunde bekannt

Amerika

  • in Idaho, in der Jaguar-Grotte wurden u.a. auch Unterkieferknochen eines großen kurzschnäuzigen Hundes gefunden; dieser soll 10400 Jahre alt sein
  • in Arizona und Illinois liegen Hundefossilien, die 8.000 Jahre alt sind
  • in Alaska hat man ebenfalls 10.000 Jahre alte Hundeschädel gefunden

Folglich wurde bisher vermutet, dass sich die Anpassung des Wolfes an menschliche Gemeinschaften, wie auch die neolithische Revolution, zeitverschoben im Mittelmeerraum,  in Asien und Nordamerika also an mehreren, voneinander unabhängigen Orten vollzogen haben muss. Und zwar in der Zeit während der Mensch noch als Jäger und Sammler lebte, zu Beginn des Jungpaläolithikums vor 40 000 Jahren.

1997 wurde im Fachblatt „Science“ veröffentlicht, dass Evolutionsbiologen wie Carles Vilà, Joakim Lundeberg vom Königlichen Technologie-Institut in Stockholm und Robert Wayne von der University of California in Los Angeles und andere Kollegen, mittels Erbgutanalysen zu der Auffassung gekommen sind, dass sich der Hund vom Wolf bereits vor 135 000 Jahren getrennt haben könnte. Diese Vermutung beinhaltet, dass der Domestikations-Prozess des Wolfes stattfand, während der Mensch Afrika verließ und in den Mittelmeerraum vordrang, also vor mind. 100 000 Jahren. Eine äußerliche Veränderung des Wolfes soll hiernach erst mit der Sesshaftigkeit der Menschen erfolgt sein, nämlich durch eine dann notwenige gezielteren Auslese auf bestimmte Verhaltensmerkmale.

In welchem Zeitabschnitt, also vor 14000-, 25000-, 40000- oder 100000 Jahren, der Wolf  mit dem Menschen  ein symbiotisches Verhältnis einging, ist letztendlich noch nicht zweifelsfrei bewiesen.  Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch sehr hoch, dass dieses Bündnis viel länger besteht als bisher angenommen. Einzig eindeutig bewiesen wurde, dass der Wolf der Vorfahre des Hundes ist. Dr. Peter Savolainen  veröffentlichte 2002 die Ergebnisse einer weiteren DNA-Analyse, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der kleinwüchsige ostasiatische Wolf, im Erscheinungsbild wie der heutige Canis lupus pallipes, als direkter Vorfahre des Haushundes in Betracht kommt und von Ostasien aus die Verbreitung des Haushundes vor 15 000 Jahren stattfand. Demnach kann die Domestizierung des Wolfes bezüglich der Verbreitungsweise den indischen Forschungsergebnissen, also durch Migration, gleichgestellt werden.

So fügt sich ein Szenario, in dem der Mensch während seiner Wanderung aus Afrika vom Wolf „begleitet“ wurde und sich in Jahrtausenden ein symbiotisches Verhältnis zwischen Mensch und Wolf entwickeln konnte. Es ist bekannt, dass Wildtiere, die nie Kontakt mit Menschen hatten und nie vom Menschen gejagt wurden, keine Scheue vor dem Menschen haben. So, wie Wildtiere untereinander auch keine Scheue voreinander haben, sofern sie nicht Jäger und Beute sind. Deshalb ist es sehr gut möglich, dass während dieser evolutionären Anpassung an die neue Umwelt, sich einzelne Wolfspopulationen, die sich ein Territorium mit unseren Vorfahren teilten, durch den menschlichen Einfluss veränderten. Ob dieser Einfluss nun direkt oder indirekt stattfand, wird in der Fachwelt kontrovers debattiert.

Die verschiedenen Domestikations-Thesen und Hypothesen

So ist die ursprüngliche Hypothese, die von Prof. Wolf Herre und Prof. Dr. Manfred Röhrs, sowie Dr. Erich Ziemen und anderen namenhaften Forschern vertreten wird, immer noch im Gespräch, dass der Mensch die Domestizierung vollzogen habe. Wolfswelpen wurden aufgepäppelt und für die Nutzung brauchbar gemacht, nämlich als Spielgefährte, Felllieferant, Aufpasser, Resteverwerter und als Fleischreserve für magere Zeiten. Eine frühe Prägung der Wolfswelpen auf den Menschen ist hiernach Voraussetzung, damit sich diese an den Menschen gewöhnen und diese akzeptieren. Dabei soll das für Welpen typische Kindchenschema Auslöser für das Pflegeverhalten der damaligen Frauen gewesen sein. Bei dieser Hypothese wird allerding immer wieder die schwierige Situation in Frage gestellt, wie die vorzeitlichen Menschen es möglich machten, Wölfe in Gefangenschaft zu halten, deren Nahrungsbedarf zu decken und entsprechende Bedingungen zu schaffen, dass sich die Wölfe trotz Gefangenschaft fortpflanzen konnten.

Häufig wird auch von einer jagdlich, symbiotischen Beziehung zwischen Mensch und Wolf gesprochen. Einige interessante Fakten habe ich unter dem Thema „Die Jagd als Symbiose“ zusammengetragen.

Eine andere Hypothese, vertreten von Dr. Dirk Roos (wissenschaftliche Leitung  GfH), beauftragt mit der wissenschaftlichen Leitung der Eberhard Trumler Station in Wolfswinkel, und Prof. Helmut Hemmer, von der Zoologische Fakultät der Universität Mainz, beinhaltet, dass Farbmutanten die Ursache für die Domestikation gewesen sein könnte. Dr. Dirk Roos vertritt die Auffassung, dass der vorzeitliche Mensch aus religiösen Motiven eine Vorliebe zu sog. Farbmutanten gehabt haben könnte. Dies passt zu den Erkenntnissen aus der Tempelanlage „Göbekli Tepe“. Unter Farbmutanten sind Tiere gemeint, die von ihrer natürlichen Fellfärbung abweichen. Auch in der Gegenwart genießen diese „Sonderlinge“, wie z.B. weiße Tiger, Affen oder Elefanten besondere Aufmerksamkeiten, und das auf der ganzen Welt. Außerdem ist es so, dass Farbmutanten durch den genetisch veränderten Hormonhaushalt weniger Stressanfällig sind und somit die Wahrscheinlichkeit einer Fortpflanzung in Gefangenschaft möglich wird. Die helle Fellfarbe ist das Ergebnis einer veränderten Melanin-Menge im Körper. Melanin ist ursächlich für die Farbpigmentierung der Haut, Haare und Augen zuständig. Diese ist in seiner Ausgangssubstanz biosynthetisch eng mit den Katecholamine verbunden bzw. abhängig. Zu den Katecholamine gehören Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin, die hauptsächlich für Stressreaktionen zuständig sind. Ist Melanin reduziert, bedeutet dies auch eine reduzierte Adrenalin-Produktion im Körper. Demzufolge reagieren diese Tiere stressreduziert auf Bedrohung bzw. auf eine Gefangenschaft.

Andere Experten wie Gregory M. Acland, Prof. für Medizinische Genetik, und Prof. Raymond sowie Lorna Coppinger, meinen, dass sich die Domestikation des Wolfes auch ganz anders zugetragen haben könnte. Sie kommen zu dem Schluss, dass sich der Wolf dem Menschen angeschlossen haben könnte, also selbst domestiziert habe. Auch hier steht die Stresstoleranz, oder auch Fluchtdistanz genannt, im Vordergrund. So soll es einige Individuen unter den Wölfen gegeben haben, die weniger schreckhaft waren und denen es daraufhin möglich war, sich menschlichen Siedlungen zu nähern, und somit ihre natürlich erjagte Beute mit menschlichen Abfällen zu ergänzen. Diese Individuen haben demnach eine ökologische Nische für ihren Nutzen entdeckt. Dies bedeutet aber zwangsläufig, dass jene Tiere, die nicht so stark schreckhaft waren, isoliert von anderen Wölfen gelebt haben müssen. Sexuelle Isolation einiger Individuen war die Folge, die zu einer natürlichen Selektion und letztendlich zu einer neuen Population führte. Das zusätzliche Nahrungsangebot führte dann dazu, dass sich diese Population häufiger vermehren konnte.  Eine weitere Folge war eine Degeneration der Sinnesleistungen, die nun nicht mehr in ihrem ursprünglichen Maß benötigt wurden. Diese Verhaltensveränderungen brachten auch zwangsläufig eine veränderte Körperform mit sich. Die an die menschlichen Siedlungen angepassten Wölfe (oder an dieser Stelle vielleicht auch schon Urhunde) waren kleiner und leichter als andere Wölfe. Eine zusätzliche  Auslese durch den Menschen auf unerwünschtes Verhalten ist denkbar oder sogar zwingend erforderlich gewesen, indem zum Beispiel aggressive Tiere, die das Dorf beunruhigt haben, getötet wurden oder unbeliebte Diebe selbst verspeist wurden.

Eine ähnliche These der zufälligen Selbstdomestizierung wird vertreten von Susan Crockford, amerikanische Evolutionsbiologin. Sie sagt aus, dass die menschlichen Ausscheidungen unserer Vorfahren als Ursache anzusehen sind, dass sich zuerst aus dem Wolf ein Wildhund entwickelt habe. Dieser Wildhund entstand dadurch, dass sich der Wolf in verlassenen menschlichen Lagern an den zurückgelassenen Ausscheidungen zusätzlich mit Mineralien versorgt habe. Mineralien haben entscheidenden Einfluss auf den reibungslosen Ablauf aller Stoffwechsel- Prozesse im Körper. Bestimmte Hormone regeln die Verteilung und Überwachung der Mineralien und sorgen dafür, dass diese bei Bedarf neu eingestellt werden. Diese Hormone werden im Gehirn im Hypothalamus gebildet und stehen in Wechselwirkungen mit anderen hormonbildenden Organen, wie die Schilddrüse und u.a. auch der Bildung von Adrenalin und Melanin. Diese veränderten Wechselbeziehungen sind die Ursache für biologische und verhaltensmäßige Veränderungen wie z.B. eine häufigere Fruchtbarkeit und die Reduzierung der Fluchtdistanz (Stressreduktion). Genetisch veränderte Tiere waren die Folge. Bedingt durch verringerte Sinnesleistungen, die nun nicht mehr im wölfischem Maße benötigt wurden, reduzierte sich das Gehirnvolumen und andere Körpermaße.  So soll sich der Wolf vorerst zum Wildhund entwickelt haben und später der Schritt zum Menschen und zur Domestikation vollzogen haben.

Ein seit 1959 laufendes Projekt in Nowosibirsk mit sibirischen Füchsen hat ergeben, dass die Selektion auf furchtfreie und aggressionsfreie Tiere eine Zunahme sozialer Intelligenz zur Folge hat. Der amerikanische Wissenschaftler Brian Hare ist Psychologe, Anthropologe und Primaten- und Hundeforscher und beschäftigt sich seit einigen Jahren mit „hominoider Psychologie“, welche im Grunde mit evolutionärer Entwicklungspsychologie zu tun hat. Dabei sind er und Michael Tomasello, Professor für Psychologie, Verhaltensforscher und Gründungsdirektor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, zu der Auffassung gelangt, dass soziale Intelligenz bzw. kognitive Fähigkeiten eng mit der Toleranz bzw. dem Temperament eines Lebewesens gegenüber der eigenen Art gekoppelt ist. Sie vermuten, dass nicht die Gehirnmasse selbst für kognitive Fähigkeiten verantwortlich sein könnte, sondern die Toleranz der Lebewesen zueinander. Das heißt also, dass nicht wie bisher geglaubt, die Größe der Gehirnmasse wesentlich für kognitives Denken ist, sondern je toleranter ein Individuum innerhalb seiner Art ist, desto ausgeprägter entwickeln sich soziale Fähigkeiten. Herr Hare vermutet, dass dies ein evolutionärer Prozess ist, der nicht nur bei Primaten stattfindet, sondern auch bei uns Menschen zur Selbstdomestizierung geführt haben könnte. Fazit ist hier: Temperament (gemeint ist aggressives Verhalten) beeinflusst die Intelligenz. Wenn diese Erkenntnis zutrifft, dann ist dies auch auf die Domestikation des Wolfes und derer Selektion gültig, egal ob selbst domestiziert oder künstlich durch den frühen Menschen. Wenn also die aggressiveren Tiere selektiert wurden, hatte dies den Effekt, dass sich die Fähigkeiten entwickeln konnten, die wir Menschen am Hund so sehr schätzen – nämlich die Fähigkeiten mit uns zu kommunizieren und somit auch mit uns in einem sozialen Gefüge leben zu können.

All diese Hypothesen über die Wolfsverwandlung haben ihr Für und Wider. In der Natur basieren alle Verhaltensweisen auf ein vorteilhaftes Verhältnis zwischen Energieerwerb und Energieverbrauch. Deshalb bemängeln Kritiker, dass die steinzeitlichen Jäger und Sammler es sich nicht leisten konnten, Essensreste nicht zu verwerten. Sie glauben auch nicht, dass zu dieser Zeit Müll übriggeblieben wäre. Selbst wenn hin und wieder ein abgenagter Knochen oder menschliche Ausscheidungen am Höhlenrad zu finden war, wird dies kaum dauerhaften Einfluss auf den Stoffwechsel haben und den Energieverbrauch ausgleichen, den ein Wolf verpulvern würde wenn er sich deshalb den menschlichen Siedlungen nähern müsste. Religiöse Motive oder auch soziale Motivationen seien zwar nicht auszuschließen, jedoch muss bedacht werden, dass der Wolf tierische Nahrung benötigt, die ihm zur Verfügung gestellt werden musste. Andere Haustiere gab es damals ja noch nicht, die hätten verfüttert werden können. Außerdem ist das Errichten von ausbruchsicheren Gehegen recht schwierig. Als reine Nahrungsquelle sich den Wolf sozusagen ins Haus holen, macht auch keinen Sinn. Denn es wäre wohl einfacher gewesen, sich pflegeleichtere und weniger gefährlichere Pflanzenfresser aus der Wildnis in die Lagerstätten zu holen. So sind nach heutigem Erkenntnisstand verschiedene Modelle im Gespräch, warum der Wolf zum Menschen kam.

Zu der Frage „Wie kam der Wolf zum Mensch“ gibt es zumindest einige biologische  Fakten. Denn ob man es nun Toleranz, Temperament, Aggression, Stresstoleranz oder auch Fluchtdistanz nennt, irgendwie scheint das Aggressions- und Fluchtverhalten der Schlüssel zur Domestikation zu sein. Denn die biologischen Zusammenhänge sind identisch und haben einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung sozio-kommunikativer Fähigkeiten. Es bleibt spannend, was Eisschmelze, Bodenerosion und Co. noch alles zu Tage bringen wird.