Konfliktverhalten und Frustration des Hundes

 

Ein Konflikt besteht aus Reizsender und Reizempfänger

Ein Konflikt entsteht, wenn zwei gleichstarke Reize auf einen Hund wirken, denen sich der Hund nähern oder die er meiden möchte. Da der Hund jedoch nicht zeitgleich mit Meiden und/oder sich Nähern reagieren kann, entsteht Handlungsunfähigkeit. Oder anders ausgedrückt – die eigentlich beabsichtigenden Verhaltenstendenzen (annähern und/oder meiden) schließen sich gegenseitig aus. Da der Hund aber nicht nix machen kann, wird stattdessen ein anderes Verhalten gezeigt.

 
Dieses Konflikt-Verhalten können Beschwichtigungssignale, Übersprungsverhalten, Leerlaufhandlungen oder umgeleitetes Verhalten sein, die am Gleichgewichtspunkt, also genau mittig, der auslösenden Reize auftreten.
 
Konfliktverhalten kann jedes Verhalten darstellen und wird daran erkannt, wenn das gezeigte Verhalten situativ unangemessen ist oder beim Gegenüber eine andere Verhaltenstendenz bewirkt. Dazu zählen die klassischen Signale wie die eigene Schnauze lecken (licking Intention), urinieren, hecheln, sich beknabbern, gähnen aber auch schnüffeln, Penis ausfahren oder das Aufrichten des Nackenfells . Bei Kompensationshandlungen ist häufig das Zerstören von Gegenständen, Stereotypie und Bellen oder Winseln in ausgeprägter Form zu nennen.
Beispiel

Ein Hundebesitzer ist auf den Heimweg und entfernt sich aus einer Hunde-Spiel-Gruppe. Er ruft seinen Hund. Dieser möchte einerseits lieber bei der Spiel-Gruppe bleiben, aber auch auf das Rufen seines Besitzers reagieren. Hin und her gerissen kann der Hund nicht auf zwei „gleichstarke“ Situationen zeitgleich reagieren. Der Hund befindet sich in einem Konflikt und wird mit Übersprungsverhalten reagieren. Hier sollte der Hundebesitzer seine gesendeten Signale (Reize) durch wegrennen, klatschen oder anderen Verstärkern intensivieren.

Aber auch wenn nur ein Reiz vorhanden ist, dieser jedoch zu schnell entfernt oder nicht erreicht werden kann und eine Endhandlung nicht erfolgt, kommt es zur Hemmung der aktuellen Verhaltenstendenz, und eine bis dahin zweitrangige Verhaltensweise (Überprungsverhalten) kann ausgeführt werden.

Beispiel

Ein begonnenes Spiel zwischen Hund und Hundebesitzer wird abrupt wieder beendet. Der Hund kann das aktivierte Verhalten (Spielverhalten) nicht ausleben, eine Endhandlung bleibt aus.

Um Konfliktverhalten zu bewerten, muss die Art des gesendeten Reizes Beachtung finden. So können Reize beim Empfänger Annäherung oder Meidung/Flucht auslösen. Es können aber auch zwei Reize gegensätzliches Verhalten beim Empfänger auslösen, also zeitgleich zur Entfernung und Annäherung motivieren.
 
Alle Hunde müssen tagtäglich eine Vielzahl an Konfliktsituationen bewältigen, in denen sie mit den entsprechenden Signalen kommunizieren und uns oder anderen Artgenossen ihre Gefühle mitteilen. Hundehalter die mehrere Hunde haben wissen, im besonderen Maße, wie häufig ihre Hunde solche Konfliktzeichen untereinander zeigen. Jeder Hund hat seine spezifischen Konfliktzeichen, die bevorzugt gesendet werden. Beobachte deinen Hund eine Weile und du wirst sie entdecken. Sieh hierzu eine kleine Bilderreihe aus meinem kleinen Hunderudel.

Die Funktionskreise

Den Begriff Funktionskreis mit einfachen Worten erklärt: Jede einzelne Verhaltensweise (Bsp. Kaubewegung) dient einer bestimmten biologischen Funktion, welche einem bestimmten Ziel zugeordnet werden kann. In der Mehrzahl von Verhalten lassen sich so verschieden ähnliche Verhaltensweisen einem bestimmten biologischem Zweck zusammenfassen.

So ist das Verfolgen von Beute (Jagd-Verhalten) der Funktion des Nahrungserwerbs zuzuordnen, welches wiederum dem gesamten Funktionskreis des Stoffwechselbedingtem Verhalten untergeordnet ist. Das Stehlen, Fressen, Verdauen von Nahrung und Ausscheidungsverhalten gehören ebenfalls zum Stoffwechselbedingtem Verhalten. Territorialität zum Funktionskreis des Sozialverhaltens. Ebenso Kommunikation mit Artgenossen, Angstverhalten, Aggression gegen belebte und unbelebte Umwelt oder Problemverhalten wie Stereotypie.

Insgesamt sind beim Wolf ca.360 einzelne Verhaltensweisen bekannt. Beim Hund sind noch keine Zahlen bekannt, aber es dürften ähnlich viele Verhaltensweisen sein, die sich in 6 Funktionskreise einteilen lassen.

Ein Beispiel für Probelmermittlung anhand der Funktionskreise.

Ein Hund sucht auch bei sehr starker Sonneneinstrahlung und Hitze dauerhaft(!) keinen kühlen Platz bzw. Schattenplatz auf. Nun wäre es ein natürliches Verhalten, wenn sich ein Hund im Tagesverlauf eines heißen Sommertages einen kühlen Ruheplatz sucht. Im Funktionskreis Schutzbedingtem Verhalten, genauer Schutz vor Einwirkung aus der Umwelt,  liegt hier eine Störung vor und es ist, je nach Therapieansatz, zu ermitteln, welche Ursache das fehlende Schutzverhalten auslöst.

Beispiel einer Problemermittlung anhand der Funktionskreise.

Ein Hund hechelt an einem kühlen Wintertag, ohne das er sich vorweg bewegt hat. Aufgrund der Kälte wäre ein natürliches und zwar ein energiesparendes Verhalten eine bevorzugte Reaktion des Körper. In dem Fall in Form von Wärmebehalt bzw. Wärmespeicherung. Die Funktion des Hechelns gehört zur Wärmeregulation des Körpers und ist ein eindeutiges Zeichen darauf, dass der Körper überhitzt bzw. sein Stoffwechsel stark aktiv ist. Dementsprechend ist das Hecheln im Funktionskreis Stoffwechselbedingtes Verhalten, genauer Thermoregulatorisches Verhalten, zu kategorisieren. Gemessen am natürlichen Verhalten eines Hundes ist auch hier ein Ungleichgwicht vorhanden, dessen Ursachen zu ergründen wären.

Durch Beschwichtigungssignale werden beim Gegenüber (Reizempfänger) andere mit aggressivem Verhalten nicht vereinbare Verhaltenstendenzen aktiviert. Beschwichtigungssignale dienen dazu, einen Kampf zu verhindern bzw. eine Auseinandersetzung zu beenden.

Beschwichtigungssignale stammen hauptsächlich aus dem sexuellen Bereich oder der Eltern-Kind-Beziehung. Diese Beschwichtigungssignale sind immer das Ergebnis eines inneren Konflikts. Um Energieressourcen zu sparen, werden Beschwichtigungssignale in einer konfliktträchtigen Situation nur dann gesendet, wenn die Erfolgschancen abzusehen sind.

Bei Übersprungshandlungen hemmen sich zwei gleichstarken Verhaltenstendenzen (oder nur eine Verhaltenstendenz), so dass eine dritte Verhaltenstendenz zum Durchbruch kommt, die bereits vorher in abgeschwächter Form vorhanden war.  Das ausgeführte Verhalten stammt aus einem anderen Funktionskreis.

Verhaltensweisen der Nahrungsaufnahme, Körperpflege oder auch Paarung und Nestbau sind in gewissem Maße ständig aktiviert und kommen deshalb in Übersprungsverhalten häufig zum Durchbruch. Dazu gehören Verhalten wie kratzen, sich beknabbern, schütteln, gähnen, speicheln, aufreiten, schnüffeln, markieren u.s.w.

Bei umgeleiteten Verhalten wird die aktivierte Verhaltenstendenz nicht auf das eigentlich auslösende Objekt gerichtet, weil es hemmende Reize aussendet. Stattdessen wird die Reaktion auf ein drittes neutrales Objekt gerichtet.  Das ausgeführte Verhalten bleibt im selben Funktionskreis bestehen.

Beispiel: Ein Hund begegnet einen  Artgenossen mit Beißintention, traut sich jedoch nicht, diesen anzugreifen. Statt den Rivalen anzugehen, wird nun der Hundebesitzer oder aber ein rangniedrigeres Tier gebissen.

Beispiel: Das Ausführen des Mäuselsprungs ohne ersichtliche Beute, wie Maus, Blätter, Käfer oder ähnliches.

Frustration beim Hund

Frustrations-Verhalten beinhaltet, dass derjenige aggressiv reagiert, der im zielstrebigen Verhalten oder am Erreichen eines Zieles gehindert wird.

Vorrausetzung ist, dass der Handelnde das Ziel kennt, sich also in einer Erwartungshaltung befindet.

Anders als bei Konfliktverhalten entsteht Frustration durch Erwartungsenttäuschung.

Beispiel: Ein Hund darf immer auf dem Sofa schlafen. Verlangt der Hundebesitzer, dass der Hund das Sofa verlassen soll, wird dieser mit knurren und Drohverhalten reagieren.