Was ist Stress – Stress beim Hund

Und wann nutzt er dem Individuum

Stress ist eine biologische Reaktion auf die Anforderungen aus der Umwelt, d.h. Stress sind die physischen und psychischen Körperreaktionen zur Bewältigung besonders gesteigerter Anforderungen. Urzeitlich gesehen aktiviert Stress nützliche Funktionen, um auf bedrohliche Situationen extrem schnell reagieren zu können. Dies dient dem eigenen Schutz bei Gefahr und trägt zur Arterhaltung bei.

Heute wird Stress durch Faktoren aus unserer zivilisierten Welt ausgelöst, denen der Hund nicht mit arteigenen Verhaltensweisen, wie Flucht oder Angriff, begegnen kann. Stress kann nicht nur negativ (Distress) sondern auch positiv (Eustress) geprägt sein. So ist anhaltender (!) positiver Stress genauso belastend für den Körper wie negativer Stress, da die biologischen Abläufe und Reaktionen im Körper identisch sind.

Durch die stark geänderAPORT Hundeschule 103ten Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, haben sich die Lebensbedingungen und die Aufgaben des Haushundes drastisch gewandelt. Der Hund, der seine Aufgaben zunehmend mehr als Familienmitglied, Partnerersatz, Spielfreund, Kindermädchen und damit zum Sozialpartner gestellt bekommt, muss sich mehr an die zivilisierten Bedingungen anpassen. Arteigene Verhaltensweisen, die dem Hund Jahrtausende das Überleben gesichert haben, sind nun nicht mehr erwünscht. Besonders das Stadtleben stellt schwierige Bedingungen dar. Beispiele hiefür sind Autoverkehr, öffentliche Verkehrsmittel, Krach, beengte Wohnverhältnisse, Fahrstühle, Isolation, Leinenzwang u.s.w.; diese können einen Hund stark unter Stress stellen. Auf all diese Vielzahl von unnatürlichen Bedingungen muss ein Hund in der heutigen Zeit lernen, sich zu recht zu finden. Um so wichtiger ist es heute und wird in der Zukunft sein, den ältesten Begleiter der Menschen, den Hund, auf diese neuartige “Lebensqualität” frühzeitig vorzubereiten. Denn nur der Hund, der gelernt hat, mit all diesen artfremden Lebensbedingungen fertig zu werden, wird ein stressfreies und glückliches Hundeleben führen.

Stress wird sehr häufig durch eine mangelnde oder fehlende Umweltgewöhnung ausgelöst. Stress in der frühen Entwicklungsphase stellt ein Trauma dar und führt u.a. auch zu einer Schädigung des Hippocampus, welches dazu führt, dass die Stresshormone in Stresssituationen kaum noch reduziert werden. Die Folge ist, dass Stress leicht auslösbar ist und lange anhält, was wiederum zu einer weiteren Schädigung des Hippocampus führt. u.s.w.

Hat ein Hund Stress, erkennt man dieses immer an seinen Körperausdruck, genauer, an seinem Konfliktverhalten.

drawing-pin-147814_640b Stress kann hervor gerufen werden durch :

  • häufige Rangordnungsauseinandersetzungen
  • Mobbing
  • intensive Konzentration bei der Arbeit z. B. der Rettungshunde, der Servicehunde, Hunde im Polizeidienst
  • Lärm und andauernd starke Gerüche
  • Frustration
  • Krankheit und Schmerzen
  • Angst
  • Isolation
  • Überforderung oder Unterforderung
  • positiver Stress z.B. übermäßige euphorische Aktivität eines Hund, Extremsport z.B. das dauerhafte Erbringen von Höchstleistung
Wann nutzt er dem Individuum

Stressfunktionen haben sich im Laufe der Evolution entwickelt, weil sie von Nutzen sind. Sie schützen Leib und Leben, sind arterhaltend und beugen Überforderung vor. Stress hat jedoch noch eine andere Funktion. Die des Umlernens, des Neuerkundens und die des Entwickeln neuer Strategien. Stress aktiviert den Organismus zu Alternativverhalten, er macht wach und regt dazu an neue Wege zu gehen. Der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther erklärt in seinen Veröffentlichungen sehr eindrucksvoll, wie Stress alte Nervenbahnen „aufweicht“, so dass es erst durch einen hohen Stresslevel möglich ist, neue Verknüpfungen im Gehirn zu bahnen. In diesem Sinne plädiere ich dafür, Stress nicht nur und einzig negativ zu betrachten, sondern ihn in erster Linie als Chance zu nutzen.

Aber, was geschieht genau, wenn ein Individuum Stress hat? Um das zu verstehen, habe ich im folgenden Reitern das 3 Phasen-Stressmodel nach Hans Selye (1936) einmal aufgelistet, welches bis heute anerkannt ist.

Die Aktivierung zur Handlung

Die Alarmbereitschaft  entsteht durch ein physiologisches Ungleichgewicht im Körper. Durch die Aktivierung des Sympathikus und somit auch des Nebennierenmarks werden die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet, die Bedingungen im Körper schaffen, um auf jene bedrohliche Situation aus der Umwelt zu reagieren. Die Folgen sind :

  • Verengung der Blutgefäße
  • gesteigerte Herzfrequenz
  • gesteigerter Blutdruck
  • erhöhter Blutzuckerspiegel
  • Erweiterung der Bronchien
  • Erweiterung der  Pupillen
  • Aufstellen der Haare

Somit verbessern sich die biologischen Funktionen , wie Muskeltätigkeit, Lungenfunktion (Atmung) und Sauerstoffgehalt im Gehirn, damit die in den Zellen gespeicherte Energie freigesetzt und eine energieaufwändige Extrem-Handlung erfolgen kann. Zeitgleich verringern sich biologischen Funktionen im Körper, die nicht zur Gefahrenabwehrbenötigt werden, wie z.B. Verringerung des Speichelflusses, Verlangsamung der Magen-, Darm- und Blasentätigkeit und Zusammenziehen der Hautgefäße.

Erholungsphase und Abbau der produzierten Stoffe

Bei der Erholungsphase wird die körperliche Reaktion bzw. die Handlungsbereitschaft wieder eingestellt, die Hormonausschüttung gestoppt und der Körper kehrt dann in den Ursprungszustand zurück, wenn die aktivierte und bereitgestellte Energie ver- und aufgebraucht wurde. Hiernach wird das physiologische Gleichgewicht wieder hergestellt, wenn die bedrohliche Situation vorbei bzw. als nicht gefährlich eingestuft wurde. Dabei ist die Unterstützung durch den Menschen von großer Bedeutung, die zur Entspannung der Situation beiträgt.

Kurzzeitiger Stress stellt keine gesundheitliche Gefährdung dar, weil eine Beendigung der Aktivierung zur Handlungsbereitschaft erfolgt. Bsp.  Ein Hund begegnet einem Artgenossen und fühlt sich durch dessen Annäherung bedroht. Er sträubt seine Nackenhaare, bleibt stehen, um diesen zu beobachten (fixieren), oder läuft in schnellen Schritten zu ihm hin, um ihn bewerten zu können. Nach kurzem beschnüffeln entspannt sich die Situation wieder. Der Hund kehrt in seinen Ausgangszustand zurück.

Erschöpfungsphase – anhaltender Stress macht krank

Ist der Stresszustand (Handlungs- oder Alarmbereitschaft) langanhaltend, ist der Körper bemüht eine Gegenreaktion zu starten, um die (Alarmreaktionen) Handlungsbereitschaft abzuschwächen. Dafür ist der Parasympathikus (wirkt beruhigend auf das vegetative Nervensystem) zuständig. Er sorgt unter anderem für ein Zusammenziehen der Bronchien, vermehrten Speichelfluss sowie für Anregung der Magen-, Darm-, und Blasentätigkeit. Allerdings bleibt die Adrenalin-, Noradrenalin- und Cortisolausschüttung hoch. Durch die anhaltende Aktivierung der Stresshormone, kommt es zu sogenannten Energiebereitstellungsproblemen. Der Körper kann sein physiologisches  Gleichgewicht nicht wieder herstellen und die Möglichkeiten der Anpassung bzw. der Aktivierung zur Handlungsbereitschaft (und deren Abbau) geht verloren. Dadurch wird das Immunsystems geschwächt, die Fortpflanzungsorgane sowie die Schilddrüsenfunktion gestört und entzündliche Prozesse in Gang gesetzt. Langzeitfolgen und schwere Erkrankungen entstehen, wie:

  • Bluthochdruck (Hypertonie)
  • Herz-, Kreislauferkrankungen
  • Nierenerkrankungen (auch mit tödlichem Ausgang)
  • Stoffwechselstörungen
  • Allergien und Entzündungskrankheiten