Gefühls- und Stimmungsübertragung durch Spiegelneuronen

Alles so einfach und doch oft so schwer

Stimmungsübertragung heißt, dass alle Mitglieder einer Gruppe sich einer situativen Verhaltenstendenz anschließen, was letztendlich dazu führt, dass alle Gruppenmitglieder sich synchron verhalten, also das Gleiche tun. Besonders sinnvoll ist dieses Verhalten bei Herdentieren, wenn diese zeitgleich zur Flucht vor Raubtieren ansetzen, um so dem Feind eine Selektion zu erschweren oder bei der Wanderung tausender Huftiere zu den jeweiligen Gras- und Wasserstellen, weil es das Überleben jedes einzelnen Tieres verbessert. Stimmungsübertragung wirkt arterhaltend und ist somit ein wichtiger Bestandteil innerhalb einer Gruppe oder Gemeinschaft. In der Hundeerziehung haben wir ständig(!) mit Stimmungen und derer Übertragung zu tun. Dabei geschieht die Übertragung vom Menschen auf den Hund oder umgekehrt.

Wenn du deinen Hund genau beobachtest, wirst du feststellen, dass dein Hund häufig genau das macht was du auch gerade tust. Du gräbst im Blumenbeet, wird dein Hund auch mit dem Buddeln anfangen. Du machst eine Pause und setzt dich hin, dein Hund tut dies auch. Du fängst an zu hüpfen und zu rennen, wird dein Hund sich dir anschließen und ebenfalls fröhlich umherspringen. Stimmungsübertragung heißt aber auch, wenn du deinen Nachbarn nicht magst wird dein Hund sich dir anschließen.

Für VeräAPORT-Hundeschule-66nderungen ist die Stimmungsübertragung, die vom Halter ausgeht, entscheidend, ob sich das unerwünschte Verhalten eines Hundes in die gewünschte Bahn lenken lässt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die 1992 entdeckten Spiegelneuronen diese Gefühle auslösen. In wieweit die Human-Forschung auch auf die Tierwelt übertragen werden kann ist noch nicht endgültig geklärt. Allerdings haben Forscher der italienischen Universität in Parma bei Affen festgestellt, dass beim bloßen beobachten von Handlungen Nervenzellen aktiviert werden, also Signale gesendet werden als würden die Affen selbst jene Handlungen ausführen. Gähnen ist ansteckend, deshalb wurde an der Londoner Universität untersucht inwieweit sich Hunde vom menschlichen Gähnen ebenfalls zum Gähnen verleiten lassen. Demnach haben von 29 Hunden die dem Gähnen eines Wissenschaftlers zuschauten 72 % sich vom Gähnen anstecken lassen. Während sich Menschen vom ansteckenden Gähnen gerade einmal mit ca. 60% mitreißen lassen. Spiegelzellen ermöglichen die Fähigkeit durch bloßes Beobachten sich in Handlungen und Gefühle andere Lebewesen hineinzuversetzen. Körperausdruck wie Gestik und Mimik oder Gefühle wie Schmerz, Freude, Anspannung, Nervosität oder Angst lösen im Gehirn des Betrachters durch die aktivierten Spiegelzellen die gleichen Signale, also Handlungen und Gefühle aus, als würden sie selbst erlebt. Selbst bloße Andeutungen von Handlungen werden im Gehirn vom Betrachter bis zur endgültigen Abhandlung ergänzt und auch erlebt.

Je mehr Spiegelzellen im Gehirn vorhanden sind desto größer ist die Fähigkeit sich in Andere hineinzuversetzen. Bis heute weiß man, dass sie sich in Hirnbereichen befinden die für Bewegung, Berührungen und Gefühle zuständig sind und es wird vermutet, dass diese Alleskönnerzellen auch in anderen Gehirnbereichen zu finden sein werden. In Bezug auf die Hundeerziehung ist die Übertragung von Handlungen und Emotionen entscheidend für den täglichen Umgang und das gemeinsame Erleben. So kann eine physische oder psychische Veränderung am Halter auch eine Veränderung seines Hundes verursachen, egal ob dies positiv oder negativ gemeint ist.

Beispiel bei Stimmungsübertragung vom Hund auf den Menschen

Der Anblick eines glücklichen Hundes versetzt jeden Halter in eine ebenfalls glückliche und entspannt Haltung. Der freudige Ausdruck des Hundes (optisches Signal) spiegelt sich im Gesichtsausdruck des Halters, das zum Spiel auffordernde Bellen des Hundes (akustisches Signal) veranlasst einen netten Smalltalk unter Hunde-Haltern, es wird gelacht, der Hund sucht freundlichen Kontakt durch stupsen und anschmiegen (taktile Signale) bei seinem Halter und anderen Personen, es herrscht eine sog. gute Stimmung in der Luft (chemisches Signal).

Beispiel bei Stimmungsübertragung vom Menschen auf den Hund

Hat ein Hundehalter Angst, dass sein Hund von einem anderen Hund gebissen oder verletzt werden könnte äußert sich die Angst des Halters in seinem Körperausdruck in verbaler und nonverbaler Sprache. Dem Hund wird durch seinem Halter signalisiert Achtung Gefahr droht. Der Hund nimmt diese Signale mit allen Sinnen war, also nicht nur akustisch, durch die Sprache des Halters, sonder auch taktil, chemisch und optisch. Dabei verursachen feste Verhaltensabläufe einen Teufelskreis, der unterbrochen werden muss. Vorankündigende Worte, wie „..oh, da kommt ein Hund…“ (akustisches Signal), das Kurznehmen der Leine (taktiles Signal), Angstschweiß (chemisches Signal) und eine angespannte Körperhaltung (optisches Signal) oder eine Richtungsänderung (Flucht) laufen meist in einer festen Verhaltenskette ab, so dass dem Halter und seinem Hund keine Handlungsspielräume für positive Erfahrungen bleiben.

drawing-pin-147814_640b Beispiele, die die Stimmungsübertragung beeinflussen:

  • Stimmung = Stimme
  • eine falsche Atmung verursacht eine sog. flache Stimme und bewirkt Verunsicherung beim Hund
  • stabil auf dem Boden stehen verbessert die Stimmlage, Standhaftigkeit üben (wortwörtlich und auch sinngemäß gemeint)
  • Je tiefer eine Stimme desto dominanter ist die Wirkung auf den Hund
  • Tonale (harmonisch, linear) Lautäußerungen „bescheinigt“ psychische Stabilität, während atonale (unharmonisch, geräuschvoll) Lautäußerungen eher Unsicherheit erkennen lässt, deshalb mit Bestimmtheit bzw. Entschlossen sprechen
  • Akustik unterstütz immer die nonverbale Körpersprache, deshalb müssen Stimme, Mimik und Körperhaltung übereinstimmen
  • ruhiges und gelassenes Auftreten des Halters in Konfliktsituationen