Der Hund zieht an der Leine

Oder wie dein Hund erlernt locker an der Leine zu gehen.

Dem Hund das Ziehen an der Leine abzugewöhnen, ist eines der schwierigsten Übungen in der Hundeerziehung. Bevor man mit einem Training beginnen kann, muss vorweg eine Analyse durchgeführt werden, die dann erklärt, warum dieses Verhalten vom Hund gezeigt wird. Die Ursachen für diese Problematik kann sehr verschieden sein. Zu nennen wären Krankheit, Schmerz, Hospitalismus, Isolation, mangelnde Auslastung, Überforderung, Suchtverhalten, Hyperaktivität oder keine Bindung zum Halter. So ist ein Hund, der z.B. krankheitsbedingt immer auf den Suche nach Nahrung ist, ein penetranter Dauerzieher – immer auf der Suche nach etwas Fressbaren. Ein Hund, der ausgelöst durch mikrobiologische Faktoren (Bsp. Parasiten) innere Unruhe verspürt und sich wie auf der Flucht nach vorn bewegt, ist ebenfalls ein Dauerzieher. Genauso wie der Hund, der durch Isolation endlich die Möglichkeit erfährt, lang ersehnten neuen Input aufnehmen zu können.

Angst ist ebenfalls ein hoher Indikator für das Ziehen an der Leine. Das Ziehen ist hier gleichbedeutend für Flucht, also schnell den Ort wechseln zu wollen. Angstauslöser können akustischer, olfaktorischer, visueller oder taktiler Natur sein. Dazu gehören bspw. Autoverkehr, Baustellen, spielende Kinder, sich von fremden Menschen anfassen lassen müssen, Angst vor dem eigenen Halter, Angst vor Artgenossen oder alltägliche Umweltsituationen wie Mülltonnen, Rasenmäher, Geräusche einer Bohrmaschine u. s. w.

Die häufigsten Ursachen für das Ziehen an der Leine ist allerdings zu wenig Bewegung, mangelnde mentale Auslastung und das Laufen in der Gangart Schritt bzw. Trab.

Für einen Trainingserfolg gilt:

Die Auslöser, die sog. Stressoren, müssen erkannt und desensibilisiert bzw. beseitigt werden. Ergänzend muss die Beziehungsebene zwischen Halter und Hund verbessert werden, so dass der Halter seinem Hund Sicherheit vermitteln kann. Das Ziehen an der Leine ist immer „nur“ ein Symptom von vielen, deren Ursache behoben werden müssen.

Der Lernvorgang:

Mit jedem Vorankommen des ziehenden Hundes erlernt der Hund, dass sich das Ziehen  lohnt. Verhalten wird hier unmittelbar positiv bestätigt und somit etabliert sich dieses Verhalten extrem schnell.

Besonders bei Welpen kann sehr häufig folgenden Ablauf beobachten: Ein Welpe zieht in eine Richtung, um bspw. einen entfernt stehenden Baumstamm zu schnuppern. Vielleicht aus der Sorge, der Welpe könnte sich strangulieren oder um dem Welpen seinen Wunsch zu erfüllen, folgen die Welpen-Eltern dem Hundebaby so, dass die Leine möglichst nie gespannt ist. Der Welpe gibt hier die Laufrichtung vor und seine Besitzer folgen ihm willen- und kommentarlos. Folgt dem Welpen bitte nicht!! Wenn die Leine zu Ende ist, dann ist sie zu Ende. Ein Welpe muss diese Grenzerfahrungen machen. Bei schweren Hunden, die im Kräfteverhältnis ihren Haltern überlegen sind, nutzt der Hund seine körperliche Überlegenheit, so dass er jede Richtung vorgeben kann, die er möchte. In beiden Beispielen ist für den Hund das Lernen am Erfolg in höchstem Maße erfolgreich.

Ein Hund, der an der Leine zieht, tut dies deshalb, weil sein Halter die Situation erlaubt hat. Zu bedenken ist auch, dass das Problem des Leine-Ziehen bereits bei dem Anleinen im Haus seine Anfänge hat. Im Haus soll ein Hund geduldig abwarten (nicht mit Spannung erwarten) bis sich die Tür öffnet und warten, bis ihm gesagt wird, wann es losgehen kann.

Einige einfache Grundregeln:
  • Dein Hund läuft an eine ihm zugewiesene Seite, entweder immer rechts oder immer links.
  • Möchte dein Hund die Seite wechseln, dann nur, wenn du es ihm (mit einem zuvor erlernten Signal) erlaubst.
  • Keinen Hunde-Kontakt (evtl. auch Menschen-Kontakt) an der Leine.
  • Überholt dich dein Hund, änderst du unverzüglich die Richtung.
  • Schau deinen Hund nicht dauerhaft an, sondern dreh dich leicht von ihm weg! Dein Hund fängt sonst an, sich von dir zu entfernen.
  • Beachtet dich dein Hund bzw. schaut er/sie dich an, wird dieser unverzüglich belohnt.
Halte diese Grundregeln als Übungen sehr kurz. Ich meine hier nur wenige Schritte bzw. wenige Sekunden. Und geh langsam, sehr langsam!
Sukzessiv kannst du die Übungszeit und die Geschwindigkeit verändern sobald dein Hund an lockerer Leine neben dir läuft.
Warum so kurze Übungen und warum sehr langsam laufen?
Im Schritt laufen ist für deinen Hund extrem anstrengend. Manche Hunde werden durch häufiges Schritt-Laufen krank und manche gehen dadurch nur noch in der Gangart Pass. Normalerweise und unter freien Bedingungen würde dein Hund im Trab laufen und zwar ca. 90 % des Tages. Der Hund ist anatomisch perfekt an die Gangart Trab angepasst. Es ist für deinen Hund die Energie sparende Gangart. Die Trab-Geschwindigkeit beim Hund befindet sich zwischen 8-18 km/h und da liegt die Schwierigkeit, da wir Mensch uns etwa mit 5 km/h fortbewegen. Läufst du zu schnell, muss dein Hund vom Schritt in den Trab wechseln und wird dich umgehend überholen. Wie automatisch zieht er wieder an der Leine. Halte die Übung sehr kurz, da nicht nur für deinen Hund, sonder auch für dich die dauernde Konzentration anstrengend ist. Macht es euch leicht, so bleibt Erlerntes auch besser in Erinnerung. Du kannst deine Übungen ganz nebenbei mehrmals beim Spazierengehen einbinden.
 
Füge ein Signal hinzu!
Sobald dein Hund einige Meter an lockerer Leine auf deiner Kniehöhe neben dir laufen kann, fügst du ein Signal, i.d.R. „Fuß“, immer vor einem Richtungswechsel dazu. Schaut dein Hund dich an, lobst du ihn mit einem netten Wort, z.B. fein oder prima. Ein genaues Timing (ein Bruchteil einer Sekunde) zwischen dem Signal „Fuß“, Richtungsänderung, Reaktion (Blickkontakt vom Hund ausgehend) und Verstärkung (Belohnung) ist nötig, um zum Erfolg zu gelangen. Zum Erfolg gehören aber auch:
  • eine positive Einstellung zum Übungsablauf,
  • Gelassenheit,
  • Kreativität (z.B. im Handling mit der Leine),
  • Standhaftigkeit (Konsequenz)
  • und ein gutes Konfliktmanagement.
Und was ist außerhalb der Übungszeit?
Außerhalb deiner Übungszeit zieht dein Hund. Das darf er! Vergiss nicht, dass du deine Übungen auch beenden muss. Also ein klares Signal wie „okay“, „fertig“ oder „lauf“ ist zwingend notwendig, damit dein Hund erkennt, was ist für ihn Übung und was ist Freizeit.
 
Hund zieht an der Leine
 
Gern zeige ich dir in meinem Workshop „Locker an der Leine“  oder im Einzeltraining wie du deinem Hund erlernst, sich an dir zu orientieren. 
 
Tipp zur Auslastung: Du hast einen zugstarken Hund und möchtest deinen Hund mental und körperlich Auslasten, dann könnte Zughundesport euer Ding sein. Im Zughundesport wird dein Hund nicht nur körperlich ausgelastet, sondern auch mental stark gefördert. Weitere Infos findest du auf meiner Zughundeseite: A.P.O.R.T. Zughundesport 
Berechnungsformel zum Kräfteverhältnis Hund

Um die Kraft deines Hundes am Ende der Leine zu berechnen, habe ich für dich die entsprechende Formel herausgesucht. Zur Berechnung der Kraft, habe ich 3 Geschwindigkeiten gewählt. 

  • 7 km/h – Schrittschwindigkeit (Dauerzug)
  • 10 km/h – Trabgeschwindigkeit
  • 20 km/h – in die Leine rennen

1. Die Geschwindigkeit km/h muss in einen Faktor umgerechnet werden, Faktor = Meter : Sekunde

Bsp. für 10 km/h: 10 000 m : 3600 s = Faktor ~2,8

Bsp. für 20 km/h: 20 000 m : 3600 s = Faktor   5,5

2. Den Faktor dann mit dem Körpergewicht multiplizieren

Bsp. Für einen 20 Kg Hund bei 10 km/h

20 kg x 2,8 = 56 kg

Ein 20 kg Hund, der mit 10 km/h (ca. Trabgeschwindigkeit) ins Ende der Leine läuft, bewirkt eine Zugkraft von 56 kg. Im Galopp (20km/h) muss ein Mensch dann 110 kg stoppen können. Im Dauerzug erreicht der 20 kg Hund immerhin 39 kg. Ein Labrador, der ca. 35 kg schwer ist, kommt somit im Dauerzug auf eine Zugkraft von 68 kg. Im Galopp auf eine Zugkraft von 192,5 kg, die dann auch für Mensch und Hund gefährlich werden kann.